Geschichte
Eines der signifikanten geistlichen Merkmale, das den Menschen vom Tier
unterscheidet, ist zweifelsohne das geschriebene Wort. Die Sprache des Menschen ist nicht nur komplexer, sie kann
auch festgehalten werden. Dies befähigt den Menschen, die eigene Geschichte festzuhalten – sei es die individuelle
oder die gesellschaftliche. Von Letzterem, dem Aufzeichnen der gesellschaftlichen Geschichte, macht man bereits
seit der griechischen Antike Gebrauch.
In dieser Geschichtsschreibung ging man von der Antike an jedoch
zunächst sehr praktisch und einfach vor. Es wurden meist nur Daten erfasst (wie zum Beispiel Herrscherlisten)
und zudem wurden viele geschichtliche Ereignisse übermäßig glorifiziert und gedeutet. Zu einer richtigen
Geisteswissenschaft mit akademischen Charakter wurde die Geschichtswissenschaft erst ab dem 19. Jahrhundert. Zu
jener Zeit entwickelte sich die Geschichte zu einem eigenständigen Fach. Zuvor war sie als Teildisziplin dem
Studium der Rechtswissenschaften und einigen anderen Wissenschaften zugehörig. Erst durch methodische
Anleitungen für ein Geschichtsstudium wurde die Zeitgeschichte zu einem eigenständigen Studienfach.
Doch wie sieht ein wissenschaftlicher Anspruch an Geschichtsschreibung
eigentlich aus? Natürlich gilt es zunächst, Aspekte der Sorgfalt zu beachten. Die erfassten Daten müssen
stimmen, Quellen müssen angegeben und ggf. belegt werden. Doch ein Problem, das sich nach wie vor stellt,
besteht darin, historische Ereignisse möglichst neutral wiederzugeben. Denn auch heute noch werden
geschichtliche Ereignisse von den Verfassern oftmals moralisch bewertet und interpretiert. Ein gutes Beispiel
dafür ist zweifelsohne unsere deutsche Geschichte. Gleichwohl die Geschichte der Deutschen und ihrer ethnischen
Wurzeln wohl dokumentiert und belegt ist, ist es vor allem das Dritte Reich, mit dem fast alle Deutschen und
auch viele Menschen im Ausland die deutsche Geschichte unmittelbar in Verbindung bringen. Und das obwohl dieses
Ereignis historisch gesehen nur einen Bruchteil ausmacht. Jedoch hat der Schrecken aus jener Zeit die deutsche
Identität nachhaltig geprägt.
An dem Grundsatz, dass Geschichte stets von den Siegern geschrieben
wird, gibt es eigentlich wenig zu rütteln. Insofern kann man froh sein, dass das Dritte Reich nicht lange
überdauerte. Wer weiß, mit welcher glorifizierten Geschichtsschreibung, die auch den Epen der Antike alle Ehre
gemacht hätte, die deutschen Geschichtsbücher ansonsten heute verklärt wären? Allerdings ist es auch langsam
mal an der Zeit, dass auch in den allgemeinbildenden Schulen die Brücke zwischen den Missständen von gestern
und heute geschlagen wird. Denn eine reflektierte Geschichtsschreibung erfordert auch einen kritischen Blick
für die Gegenwart. Und gegenwärtig ist weiß Gott nicht alles rosig.
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